Dr. Marlis Kressner (1925 - 1999)
Conservare et Tradere
Die Marlis Kressner Stiftung folgt in ihrer Grunddisposition und inhaltlichen Ausrichtung dem Lebenswerk von Dr. Marlis Kressner (1925–1999).
Die aus München stammende Literaturwissenschaftlerin sah sich schon bald nach dem Studium durch familiäre Umstände gezwungen, die Aufgaben einer Geschäftsführerin in einem Unternehmen der deutschen Papierindustrie zu übernehmen. Ihre vormaligen und mit Leidenschaft verfolgten Interessen hat sie allerdings zeitlebens nicht aufgegeben, sondern in verschiedenen Bereichen kulturelle Präsenz mit Leben erfüllt.
Die Gründung ihrer Stiftung ist eine Konsequenz ihres Denkens in humanistischen Maßstäben.
In einem knappen Exposé zu ihrer in die Zukunft gerichteten Entscheidung einer Stiftungsgründung hat Marlis Kressner bereits 1997 weitsichtig auf gesellschaftliche Phänomene hingewiesen, die persönliches Engagement notwendig machen:
»Die geschichtlichen Ereignisse … sind für uns Zeitgenossen noch nicht überschaubar; allein schon auf dem Schauplatz Deutschland sind wir bedrängt und verwirrt von einer Unzahl aktueller Probleme, ungelöster Aufgaben, unverstandener Spannungen, von unerwarteten Verhaltensweisen.«
Dieser heute mehr denn je aktuellen Problematik wollte Marlis Kressner ausgleichend begegnen. Das Retten, Bewahren und Weitergeben des wie auch immer historisch Wichtiggewordenen verstand Marlis Kressner als Hilfe für Menschen, als ihren Beitrag, Erfahrungen von Verlust und Entfremdung zu lindern.
So lautet der Leitsatz der Marlis Kressner Stiftung »conservare et tradere«.

Dr. Marlis Kressner zu ihrer Motivation für eine Stiftung
Im Herbst 1997
Mein schon vor vielen Jahren gefaßter Entschluß, eine Stiftung zu gründen, hat nur zum Teil mit meinen persönlichen Lebensumständen zu tun. Vielmehr ist er der Überzeugung entsprungen, daß meine Generation Grund zu großer Dankbarkeit hat und damit auch eine Verpflichtung.
Grund zu großer Dankbarkeit
Gemessen an den prägenden Erfahrungen der damals Zwanzigjährigen mit Bombennächten, Todesangst, Kriegsende und Nachkriegsnot verliefen die folgenden fünf Jahrzehnte, der längste Teil meines Lebens, so sehr in Frieden und Freiheit, wie es uns vollkommen unwahrscheinlich und ganz unvorstellbar erschien.
Der Glaube an das »Schöne, Wahre und Gute«
Daß ich diese Stiftung nicht sozialen oder humanitären Zwecken gewidmet habe, sondern primär kulturellen Aufgaben, hat mehrere Gründe. Einmal bin ich wohl durch Herkunft aus einer bayerischen Unternehmerfamilie noch von den bürgerlichen Wertvorstellungen der Eltern und der dem 19. Jahrhundert zugehörigen Großeltern geprägt, auch wenn Nationalsozialismus und vor allem die Kriegsjahre manche dieser konservativen Traditionen und Konventionen zerstört und frühere Maßstäbe verändert haben. Erhalten geblieben ist mir die Erfahrung, daß der Mensch »nicht vom Brot allein lebt«, der Glaube an das »Schöne, Wahre und Gute«.
Denken in humanistischen Maßstäben
Aus eigener Wahl habe ich klassische Philologie und deutsche Literaturwissenschaften studiert und über ein theaterwissenschaftliches Thema promoviert, nachdem mich Neigung und Begabung schon in der Schulzeit im sehr konservativen humanistischen Gymnasium den Fächern der Geisteswissenschaft, Sprachen, Geschichte immer näher gebracht und mein Bedürfnis nach Allgemeinbildung – noch sehr im Sinne des klassischen Bildungsideals verstanden – verstärkt hatten. Über dreißig Jahre einer ganz anders gearteten Tätigkeit in leitender Position im vormals väterlichen Unternehmen haben daran nichts geändert.
»Conservare et Tradere«
Zum Ende des 20. Jahrhunderts sind wir, die mit ihm alt geworden sind, mit Entwicklungen der Naturwissenschaft und Technik konfrontiert, die mich befremden, überfordern, ja ängstigen. Wenn der Mensch auch künftig das Maß aller Dinge bleiben will – und ich wüßte kein anderes! –, um dem durch ihn »machbar« Gewordenen gewachsen zu sein, braucht er, davon bin ich überzeugt, dringender denn je den Rückhalt in der Vergangenheit und die Besinnung auf Bewährtes.
Diesem »conservare et tradere« als einem Gegengewicht zum rasanten »Fortschritt« soll in dem ihr ideell und finanziell möglichen Rahmen auch die Marlis Kressner Stiftung dienen.
Die geschichtlichen Ereignisse des letzten Jahrzehnts sind für uns Zeitgenossen noch nicht überschaubar; allein schon auf dem Schauplatz Deutschland sind wir bedrängt und verwirrt von einer Unzahl aktueller Probleme, ungelöster Aufgaben, unverstandener Spannungen, von unerwarteten Verhaltensweisen. Ich glaube, daß nur unendlich viele kleine, geduldige Schritte möglichst vieler Menschen auf allen Ebenen nach und nach dazu führen können, diese Situation zu verbessern.
Hilfe für bedeutsames Kulturgut auch zu verstehen als Hilfe für Menschen
Deshalb befriedigt es mich sehr, daß unsere Stiftung zunächst vor allem in den neuen Bundesländern aktiv werden konnte, wo Hilfe für Denkmäler hoffentlich auch Hilfe für Menschen werden kann.